Schule

Schule im Digitalen Zeitalter

Zeit für einen Paradigmenwechsel in der schulischen Bildung

Über die Pforte der Schule, durch die die Schüler jeden Tag hineingehen, steht mit großen Buchstaben geschrieben:

DU MUSST, DU MUSST, DU MUSST.

In der Schule müssen wir vor allem sehr viel. Wir müssen zur Schule gehen, wir müssen lernen, wir müssen aufpassen, wir müssen still sein, wir müssen weiter kommen, wir müssen unsere Hausaufgaben machen, wir müssen gut zuhören usw. Inzwischen wissen wir aber, dass es so nicht geht:

Lernen kannst du nicht „müssen“! Lernen kannst du nur in Freiwilligkeit. Erkenntnis entsteht aus dem Staunen. Staunen kannst du nicht „müssen“. Die optimale Umgebung für Lernen ist Geborgenheit. Geborgenheit kannst du nicht „müssen“.

Viele wissenschaftliche Forschungen der Neurophysiologie und Psychologie der letzten zehn Jahre weisen darauf hin. Und dennoch… ist unser Schulsystem an vielen Stellen durchdrungen von unreflektiertem „Müssen“. Wie ist das möglich? Ich sehe drei Wurzeln, aus denen heraus die Schule entstanden ist, und die bis heute noch wirken. In diesen Wurzeln lebt noch ein altes Paradigma.

Ursprung unseres Bildungssystems

Die Klosterschule

Die erste Wurzel liegt in der Klosterbewegung bzw. in der Klosterschule. Das mittelalterliche Christentum ging von einem Sündenbegriff aus. Der Mensch ist sündig auf die Erde gekommen (Erbsünde) und das ist natürlich nicht gut! So, wie du jetzt bist, kannst du unmöglich in den Himmel kommen. Dafür musst du erst eine ganze Menge tun. Wenn du das getan hast, kannst du später, durch Gottes Gnade (vielleicht) in den Himmel kommen. Aber momentan bist du schlechter Natur. Das hat eine tiefe Angst in die westliche Kultur gepflanzt: „Ich bin nicht gut genug!“ Und das „Programm“, dass damit installiert wurde, ließ die Menschen nach dem Prinzip leben: „Du sollst dir große Mühe geben. Vielleicht genügt es irgendwann!“  In der Schule wird viel an diese Angst appelliert. In der Schule wird fortwährend beurteilt, was gut und was schlecht ist. Es gibt eine Einteilung in „Klassen“:  eine Gymnasialbildung ist „höher“ als eine Hauptschulbildung, es gibt gute und schlechte Noten, es gibt ein gutes und ein schlechtes Benehmen,  und schließlich gibt es sogar „gute“ und „schlechte“ Schüler. Wenn alles glatt geht, dann wird etwas Gutes aus dir, du bekommst ein paar Buchstaben vor deinen Namen: Dr., Prof. oder Ing. Und du bekommst ein „höheres“ Gehalt. Und wenn es nicht so gut läuft, bekommst du etwas früher schon Buchstaben zugeteilt: ADS, ADHS, ASPERGER, LRS. Du bekommst einen sonderpädagogischen Förderbedarf anerkannt, einen Förderplan und später ein „niedriges“ Gehalt. Aber das Besondere ist: diese Angst, nicht gut genug zu sein, lebt in den meisten Menschen weiter, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Position. Und treibt sie unaufhörlich, nach „Höherem“ und „mehr“ zu streben und ihre Zufriedenheit auf später zu vertrösten. MÜSSEN wir denn wirklich warten bis später, um zufrieden zu sein?

Die Armee

Das zweite Vorbild für die Schule war die Armee. Es ist vielleicht keine angenehme Vorstellung, aber der hierarchische Aufbau der Schule ist direkt der Armee des neunzehnten Jahrhunderts entliehen. Eine große Gruppe von Schülern wird von einem Lehrer angeführt. Die Lehrer in einer Schule werden von der Schulleitung geleitet. Die Schulleitung bekommt ihre Vorgaben vom Ministerium. Die Hierarchie wird durch eine Gehorsamkeitskultur aufrechterhalten. In der Armee war extreme Gehorsamkeit nötig, denn sonst würden die Soldaten nicht töten oder sich Todesgefahren aussetzen. Und was würde in der Schule passieren ohne Gehorsamkeit? Die Gehorsamkeit wird durch Strafe und Konsequenzen erzwungen. Wenn jemand sich nicht an die Regeln hält, wird er bestraft. Und wenn alle Strafen nichts helfen, wird er ausgeschlossen, von der Schule geschickt. Und obwohl schon längst bekannt ist, dass Strafen eine negative Wirkung auf das Lernen haben, wird an vielen Orten weiter gestraft. Natürlich viel subtiler als im letzten Jahrhundert, wo noch geschlagen wurde. Die Körperzüchtigung in Schulen wurde in der Bundesrepublik erst im Jahr 1973 abgeschafft und das Recht auf gewaltfreie Erziehung in der Familie erst im Jahr 2000 gesetzlich verankert. Das heißt, dass viele Lehrer selber noch mit Körperzüchtigung „erzogen“ worden sind. Es gibt nur wenig Schulen, wo Strafen, Strafarbeit, „Sozialdienst“ und disziplinarische Konsequenzen nicht zum Alltag gehören. Und wird die Benotung nicht auch wirksam eingesetzt als Strafe und Belohnung? Gehorsamkeit wird als ein Grundpfeiler der Schule aufgefasst. Auf dem Preisschild dieser Pfeiler steht eine tiefe Angst geschrieben, die sagt:“ Ich bin machtlos!“ Und das „Programm“, dass wirksam wurde, lautet: „Du sollst tun, was die Autorität dir sagt (Lehrer, Arzt, Minister). Du kannst nicht über dich selber bestimmen.“ MÜSSEN wir gehorsam sein, damit wir uns entwickeln können?

Die Industrialisierung

Der dritte Einfluss entstand in der Industrialisierung. Als die ersten Fabriken entstanden, gab es einen großen Bedarf an Arbeitern, die sich an unnatürliche Lebensumstände anpassen konnten. Die Arbeiter waren leicht zu ersetzen durch andere Arbeiter. Wer sich anpasste, bekam Arbeit und konnte überleben. Wer sich nicht anpasste, drohte in Armut unter zu gehen. Das verursachte eine große Angst: „Ich bin einsam. Auf mich kommt es nicht an!“ Das „Programm“ arbeitete nach dem Prinzip: „Du bist genauso wie die anderen Menschen. Es ist am besten, wenn du genau so tust, fühlst, denkst und  lebst wie alle Anderen. Passe dich den Normen an!“ Es ist leicht einzusehen, dass unser ganzes Schulsystem auf Normen geeicht ist. Und dass diese Normen in Relation zur Wirtschaft stehen. Zunächst galten die Normen regional, dann wurden sie bundesweit festgelegt und heute werden die Schulen an Europäische Normen gekettet. Wenn ein Schüler (oder eine Schule) aus der Norm fällt, wird er (oder sie) sofort verglichen mit den anderen und es wird mit großer Sorge betrachtet, wie groß die Überlebenschancen sind. Dass jedes Kind einmalig ist, steht zwar in den pädagogischen Lehrbüchern – in der Praxis wird es (jedoch) oft nur als lästig empfunden, wenn ein Kind nicht normgemäß lernt oder sich nicht „normal“ benimmt. Viele Pädagogen berichten, dass schon mehr als die Hälfte der Kinder sich nicht normal verhalten. Das illustriert, dass diese Art zu denken an einem Endpunkt angekommen ist. Denn bislang war es immer der größte Teil, der als normal betrachtet wurde. MÜSSEN wir uns denn anpassen um überleben zu können?

Schule im digitalen Zeitalter

Thomas PedroliDas Zeitalter der Industrialisierung ist zu Ende gegangen und damit auch das alte Paradigma, das dazu gehörte. Viele Grundsätze, die vor Kurzem noch als unumstößlich galten, werden jetzt angezweifelt. Der Ausgangpunkt z.B., dass ökonomisches Wachstum zu Wohlstand führt, kann nicht mehr als stimmig erlebt werden. Die Umweltfolgen, die ungleichmäßige Verteilung des Reichtums über die Erde, die Finanzkrise und die globale Erderwärmung zeigen in diese Richtung. Oder ein anderer Ausgangspunkt, nämlich, dass wesentliche gesellschaftliche Veränderungen immer von „Oben“ kommen durch die Politik und Menschen, die Macht haben, wurde durch den arabischen Frühling entkräftet. In Ägypten war es die unorganisierte junge Generation, die das Regime stürzte. Wie war das möglich? Sie waren miteinander in Kontakt! Sie gebrauchten die digitalen Medien, Handys und das Internet. Mit Recht wird das neue Zeitalter das Digitale Zeitalter genannt. Die junge Generation, etwa nach 1985 geboren, wo der Computer in den Wohnzimmern einzog, befindet sich schon ganz und gar in diesem neuen Zeitalter. Die Fähigkeiten zu Networking, Multitasking und Global Communication, sind Ausdruck einer neuen Dimension. Das Internet ist ein gutes Bild für eine unhierarchische, transparente und dezentrale Struktur, wo das Individuum größere Selbstbestimmungsmöglichkeiten hat. Die ältere Generation, die jetzt (gerade noch) am Ball ist,  lebt zum Teil noch im alten Paradigma und hat Mühe die jüngere Generation zu verstehen. Gleichzeitig liegen die neuen Möglichkeiten, Ausgangspunkte und Fähigkeiten schon fertig und brauchen nur aufgegriffen zu werden. Im alten Paradigma gaben die Menschen ihre Macht an die Kirche, den Staat und den Kommerz ab. Im neuen Paradigma lebt der Ausgangspunkt: Jeder Mensch schafft seine eigene Realität.

Frischer Wind im Bildungswesen

Im neuen Paradigma brauchen wir nicht zu warten, bis der Staat unsere Schulen erneuert. Solche Entwicklungen laufen den Tatsachen meist hinterher. Immer mehr Kinder reagieren allergisch darauf, wenn sie aus dem alten Paradigma heraus angesprochen werden. Das ist auch gut so, denn dann merken wir wenigstens, dass etwas nicht stimmt! Vielleicht ahnten wir das auch selber schon. Aber in dem Moment, wo wir als Lehrer oder Eltern durch das außergewöhnliche Benehmen von einem Kind oder eine Klasse selber in die Enge getrieben werden, hören wir uns plötzlich Sätze sagen oder sehen wir uns Dinge tun, wovon wir geschworen hatten, sie nie sagen oder tun zu wollen. Weil wir selber bei unseren eigenen Eltern und Lehrern so darunter gelitten hatten. Sätze wie: „Wenn du so weiter machst, wird es nichts mit dir! Mit einer Fünf im Zeugnis bis du nicht viel wert! Wenn ich dich jetzt nicht strafe, wird es nur noch schlimmer – ich meine es nur gut mit dir! Du weißt noch nicht, was gut für dich ist! Tue einfach, was ich sage! Warum? Weil ich es sage! So bekommst du später keinen Beruf, was denkst du denn? Bei einem Arbeitgeber kannst du auch nicht alles tun, was du willst! Ohne Abschluss kannst du es vergessen! Ohne Disziplin kommst du nirgendwo hin! Ich weiß, dass es dir unangenehm ist, aber später wirst du mir noch dankbar sein! Schaue doch die anderen an, sie machen es auch alle! Und zwar ohne zu motzen! Du liegst weit unter dem Klassendurchschnitt! Erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Hier hast du deine Arbeit zurück, du hast 12 Fehler!“ Und so weiter.

Die eigene Angst erkennen und überwinden

Die eigene Angst erkennen und überwinden

Wenn wir so sprechen, deutet alles darauf hin, dass wir selber in Angst geraten sind. Dass wir uns einen Moment ohnmächtig, einsam, traurig oder sonst was gefühlt haben. Dass die Angst hoch kam, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Wenn wir in der Lage sind, auf unsere eigenen Gefühle zu horchen, und sie nicht weg zu drücken durch ein Reagieren nach außen mit „alten Kamellen“, dann können wir unsere eigene Geborgenheit wieder zurückfinden und unseren Schülern helfend zur Seite stehen. Das erfordert allerdings ein ganz anderes Berufsbild und ein anderes Training als es bislang in der Schule gepflegt wurde. Was die Schüler brauchen, sind Lehrer, die üben, mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen. Die Konferenzen besuchen, wo dieses übend mit den eigenen Gefühlen umgehen, selbstverständlicher Bestandteil ist. Die ausgebildet sind in Kommunikation - mit sich selber und mit anderen. Lehrer, die ihre Intuition schulen. Lehrer, die Meditation in ihr Tagesrhythmus mit  aufgenommen haben. Das hat u. A. zu Folge, dass sie auch in der Lage sind, ihr Denken ruhen zu lassen und nicht zu urteilen, z.B. wenn sie mit voller Aufmerksamkeit einem Kind zuhören. Lehrer, die das Wörtchen „müssen“ probeweise einfach mal aus ihrem Wörterbuch gestrichen haben.

Geborgenheit in der Schule

Im neuen Paradigma lebt Geborgenheit in der Schule und in Geborgenheit findet Wachstum und Lernen statt. In der Geborgenheit leben neue Grundhaltungen, die die alten Ängste wertlos, machtlos und einsam zu sein, ersetzen durch:

Ich bin wertvoll - weil ich bin. Bevor ich etwas tue, während ich etwas tue und nachdem ich etwas getan habe. Unabhängig vom Resultat.

Ich gestalte mein eigenes Leben. Ich bin Schöpfer meiner eigenen Realität.

Ich bin autonom. In meiner Autonomie bin ich verbunden mit allen Menschen. So lebe ich Verantwortung.

Die alten Tugenden Strebsamkeit, Gehorsamkeit und Anpassungsvermögen werden ersetzt durch: Eigenwertempfinden, Selbstwirksamkeit und Autonomie.

Denn, sag nun selber, diese großen Buchstaben über der Pforte der Schule, beginnen sie nicht ganz arg abzubröckeln? Und siehst du welche Wörter darunter schon sichtbar sind:

HIER BEGEGNEN WIR UNS!



Inspirationsquelle für meine Kommunikationsarbeit ist die Intuitive Pädagogik von Pär Ahlbom und die Primärarbeit von Iris Johansson 

Quelle: Thomas Pedroli  |  12.12.2012  |  www.pedroli.de

Thomas Pedroli

Geboren in den Niederlanden
Seit 1981 tätig in Sozialtherapie, Heilpädagogik, Musik und Waldorfpädagogik
Lehrer an der Windrather Talschule in Velbert-Langenberg
Dozent in der Schulung für Intuitive Pädagogik, Schwerpunkte Kommunikation und Sinnenserfahrung
Vater von drei Kindern

www.pedroli.de

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